X

Inhalt

In den imposanten Bergen Kappadokiens betreibt der ehemalige Schauspieler Aydin ein Hotel, in dem er mit seiner deutlich jüngeren Frau und seiner gerade geschiedenen Schwester wohnt. Während draußen der Schnee das Land bedeckt, wird das Hotel zum Schauplatz der spannungsgeladenen Auseinandersetzungen Aydins mit seinem Umfeld.

Der Gewinner der Goldenen Palme des diesjährigen Filmfestivals von Cannes verbindet grandiose Bilder einer archaischen Landschaft mit einem Kammerspiel um große Fragen über Liebe und Macht, Gesellschaft und Moral. Die präzisen Dialoge werfen einen Blick auf Menschen am Rand der Welt und dringen tief ins Herz der Gesellschaft ein. Regisseur Nuri Bilge Ceylan entwirft eine profunde Charakterstudie und gleichzeitig ein subtiles Sittenbild seiner türkischen Heimat, in der Meinungsfreiheit und -vielfalt bedroht sind.

Über die Produktion

Wie die meisten von Nuri Bilge Ceylans Filmen ist auch WINTERSCHLAF inspiriert von den Werken Tschechows, außerdem finden sich Anleihen von Shakespeare und Molière. Tonal wird der Film von Schuberts Klaviersonate in A-Dur gerahmt. Das internationale Filmplakat ist angelehnt an eine Illustration des russischen Malers Glasunow zu Dostojewskis „Njetotschka Neswanowa“. Es trägt den Titel „Verzweiflung (Wütender Musiker)“ und ist auch im Film während Aydins großen Streits mit Nihal zu sehen.

Das Drehbuch, das Ceylan mit seiner Frau Ebru verfasste, umfasst 183 Seiten und ähnelt in seinem Umfang laut Hauptdarsteller Haluk Bilginer dem New Yorker Telefonbuch. Der Name der Hauptfigur, Aydin, ist Türkisch für ‚Intellektueller‘ und die Geschichte enthält laut Ceylan einige autobiographische Elemente, ist aber größtenteils inspiriert durch Erlebnisse von Freunden des Regisseurs, darunter auch viele ehemalige Schauspieler. Laut Ceylan befinden sich viele türkische Intellektuelle – besonders ehemalige Schauspieler – in einer Art Winterschlaf: „Denn sie haben ihr ganzes Leben lang in Shakespeare-Stücken gespielt. Sie leben ein sehr intellektuelles Leben in geschlossenen Kreisen zusammen mit anderen Schauspielern. In jedem Land gibt es solche Unterschiede, die Intellektuellen sind immer ein wenig von der Gesellschaft isoliert. Vielleicht kommt dieses Phänomen in der Türkei etwas mehr zum Tragen.“

Der Hauptdarsteller Haluk Bilginer (Aydin) spielte bereits in einigen internationalen Produktionen wie THE INTERNATIONAL (2009) mit, während Melisa Sözen (Nihal) bisher vor allem in türkischen TV-Serien zu sehen war. Demet Akbag (Necla) hingegen ist einem größeren Publikum durch ihre Mitwirkung in erfolgreichen türkischen Komödien wie ORGANIZE ISLER (2005) und EYYVAH EYVAH (2010) bekannt.

Gedreht wurde WINTERSCHLAF über zwei Monate in der spektakulären Landschaft des UNESCO Weltkultur- und Weltnaturerbes Kappadokien und weitere vier Wochen in einem Istanbuler Studio.

Nachdem sie verschiedene Kameras getestet hatten, entschieden sich Ceylan und sein Kameramann Gökhan Tiryaki für eine Sony F65. Seit IKLIMER – JAHRESZEITEN dreht Ceylan ausschließlich digital: „Ich mag am digitalen Filmen, dass ich alles kontrollieren kann. Für mich bedeutet Film, durch künstliche Elemente Wahrheiten zu erzählen. Alles ist künstlich, aber das Ergebnis sollte etwas über Wahrheit erzählen. Mithilfe des Digitalen kann ich all die künstlichen Elemente kontrollieren. Ich kann sie so verändern, wie ich die Wahrheit herausarbeiten möchte.“

Ceylan verfügte nach den Dreharbeiten über 200 Stunden Material, das er auf ursprünglich 4,5 Stunden verkürzte. Der Weg zu den finalen 3 Stunden 15 Minuten war harte Arbeit für ihn.

Nuri Bilge Ceylan ist kein offen politischer Filmemacher. Wenn, dann äußert er sich in seinen Dankesreden, wie auch dieses Jahr in Cannes, wo er seine Goldene Palme „den jungen Menschen in der Türkei und denjenigen, die im vergangenen Jahr ihr Leben verloren haben“ widmete und sich dabei indirekt auf die Proteste in der Türkei gegen die Regierung Erdoğan bezog. Zudem riefen er und sein Ensemble auf dem roten Teppich mit Zetteln zum Gedenken an die Opfer des Grubenunglücks in dem türkischen Ort Soma auf.

WINTERSCHLAF gewann genau in dem Jahr die Goldene Palme, in dem sich der Geburtstag des türkischen Kinos zum hundertsten Mal jährte.

Über den Regisseur

Nuri Bilge Ceylan (*1959) studierte zunächst Chemie- und Elektroingenieurwesen und arbeitete als Fotograf, bevor er sich entschloss, Filme zu machen. Bereits sein erster Kurzfilm KOZA (1995) lief im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes.

Es folgten drei Spielfilme, die auch als „Provinztrilogie“ beschrieben wurden: KASABA (1997), BEDRÄNGNIS IM MAI (1999) und UZAK – WEIT (2003). Ceylan setzte in diesen Filmen Freunde und Familienmitglieder als Schauspieler und Crewmitglieder ein. Er selbst übernahm gleich mehrere Funktionen: Kamera, Ton, Produktion, Schnitt, Drehbuch und Regie.

Es folgten die Filme IKLIMLER – JAHRESZEITEN (2006), DREI AFFEN (2008) und ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA (2011), die allesamt in Cannes mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurden. Mit WINTERSCHLAF erhielt Ceylan 2014 erstmals die Goldene Palme für den besten Film im Wettbewerb von Cannes.